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Keine Luftschlösser bitte - zur Diskussion um einen ICE-Halt in Wümbach

Was erwarte ich von der Partei DIE LINKE? Ganz recht – Politikangebote, Forderungen, Initiativen und Vorschläge, die im Interesse der Mehrheit der Bevölkerung, dabei aber auch und vor allem im Interesse der von der kapitalistischen Gesellschaft Benachteiligten, insbesondere der lohnabhängig Beschäftigten und arbeitslos Gemachten, liegen. Ich erwarte dabei selbstverständlich, dass das einerseits realitätsbezogen und hinsichtlich der Finanzierung gründlich durchgerechnet ist sowie andererseits von Fachkenntnis zeugt. Wo diese fehlt, sind Fachleute zu Rate zu ziehen, wobei in manchen Fällen auch schon einmal die Meinung von Laien, die sich mit der Sache näher beschäftigt haben, gehört werden sollte: Wieder einmal wird darüber diskutiert, ob für Ilmenau ein Haltebahnhof an der ICE-Neubaustrecke einzurichten wäre. Es ist bekanntlich lange her, dass hinsichtlich des geplanten Betriebsbahnhofes auf dem Wümberg von einem möglichen Interregio-Halt die Rede war, jedoch nie von einem ICE-Halt. Die lokbespannte und sehr komfortable, gegenüber dem ICE wegen des niedrigeren Zuschlags im Fahrpreis natürlich günstigere Zuggattung Interregio ist aus eben diesem Grunde jedoch von der DB AG wieder abgeschafft worden. Somit hat sich ein Interregio-Halt von selbst erledigt, wobei man wohl durchaus davon ausgehen darf, dass es sich damals bei diesem Versprechen mehr oder weniger um ein Lockmittel handelte, um bei Regional- und Lokalpolitikern Zustimmung für das landschaftsverbrauchende Prestigeobjekt zu erhalten.

Der als Triebzug ausgebildete Intercity-Express ist in seiner ersten und mittlerweile modernisierten Ausführung ICE 1 (Baureihe 401) lauf- und bremstechnisch für 280 km/h, fahrplantechnisch jedoch zur Verringerung der Gleisbeanspruchung nur für 250 km/h zugelassen. Auch in den vielen und teilweise bis zu 8 km langen Tunnelabschnitten darf aus Sicherheitsgründen nicht schneller gefahren werden. Geht man nur einmal von einem Einsatz dieser Baureihe auf der Neubaustrecke aus, ist folgendes zu berücksichtigen: Die Streckenlänge zwischen Erfurt Hauptbahnhof (Streckenkilometer 106,861) und diesem Betriebsbahnhof (Streckenkilometer 71,00) beträgt ganze 35,861 km. Damit der Zug nach der Ausfahrt aus Erfurt Hauptbahnhof auf der Neubaustrecke die zugelassene Geschwindigkeit von 250 km/h erreicht, ist ein Gesamt-Beschleunigungsweg von 15 km erforderlich. Um den Zug aus dieser Geschwindigkeit zum Halten zu bringen, bedarf es eines Bremsweges von rund 4,4 km, bei nur im Gefahrenfalle vorzunehmender Schnellbremsung beträgt dieser immer noch 2,3 km. Das ergibt bei einem erforderlichen Beschleunigungs- und Bremsweg von 19,4 km eine Fahrstrecke von lediglich 16,461 km, auf der mit 250 km/h gefahren werden könnte. Somit erübrigt sich die Diskussion um einen ICE-Halt allein angesichts des erforderlichen Energieverbrauchs (Höchstleistung der Fahrmotoren 5.000 Kilowatt), des hohen Verschleißes an Radsätzen, Bremsen und Gleis sowie einer dann sehr schwierig werdenden Fahrplankonstruktion von selbst. Nun könnte natürlich jemand sagen, ja, aber der ICE könnte doch auf diesen gut 35 km auch mit höchstens 160 km/h, also wie ein Interregio, fahren. Das ist jedoch ebenfalls zu einfach gedacht, denn auch für 160 km/h bedarf es einer Anfahr- und Beschleunigungsstrecke von gut 7 km, wozu noch der erforderliche Bremsweg kommt. Außerdem würde damit das ganze Hochgeschwindigkeitssystem ICE grundsätzlich in Frage gestellt werden. Gleiches trifft auf die wenigstens abschnittsweise Nutzung der Neubaustrecke durch Regionalbahnen zu. Überdies steht die Frage nach der Anbindung eines solchen und bislang nur für rein betriebliche Zwecke vorgesehenen Haltebahnhofs an die Stadt Ilmenau: Eine Schienenverbindung, wie sie vor Jahren schon einmal vorgeschlagen und wobei auch an eine Wiedernutzung der stillgelegten Werkbahn zum Industriegelände gedacht wurde, dürfte mit Sicherheit nicht nur als zu teuer hingestellt werden, sie dürfte bei den heutigen Preisen auch tatsächlich mehr kosten als vertretbar wäre. Dann bliebe nur eine Straßenverbindung samt Bushaltestelle und mehr oder weniger großem Pkw-Parkplatz. Ob Umsteige- und Fahrzeit für Zubringerbusse und Pkw plus verkürzte Bahnfahrzeit wirklich unter der auf der Regionalbahnstrecke Erfurt – Ilmenau erreichten liegen, erscheint fraglich. Um vielleicht fünf bis zehn Minuten verkürzte Fahrzeiten machen kaum Sinn – schon angesichts des bei schnellfahrenden Zügen hohen Energieverbrauchs. Dazu kommt der Fahrpreis – dass die DB AG bei einem tatsächlichen ICE-Halt auch für diese kurze Strecke auf den nicht gerade niedrigen Zuschlag verzichten würde, gehört in das Reich der Wunschträume. Schon allein deshalb ist eine Nutzung im Regionalverkehr zwischen Erfurt und Ilmenau so unsinnig wie unmöglich. Im Fernverkehr, etwa aus Berlin oder München, würde ein solcher ICE-Halt wegen des in jedem Falle notwendigen Umsteigens auf ein anderes Verkehrsmittel und der hinsichtlich der für den Hochgeschwindigkeitsverkehr viel zu kurzen Strecke von und nach Erfurt keinerlei Aussicht auf Verwirklichung haben.

Das wenigstens sollte von Politikerinnen und Politikern der Partei DIE LINKE bedacht werden, bevor ein ICE-Halt überhaupt zum Thema gemacht wird. Viel wichtiger ist die Verbesserung der Anbindung der betriebenen Regionalbahnstrecke zwischen Ilmenau und Erfurt: In den 1990er Jahren redeten Verkehrspolitiker recht vollmundig von der Einführung eines Taktverkehrs mit Umsteigezeiten von nicht mehr als 10 Minuten. Was ist davon geblieben? Auf alle Fälle nicht viel, denn in Erfurt Hauptbahnhof müssen Fahrgäste, Verzeihung, die DB AG kennt ja nur noch Kunden, auf viele Anschlusszüge wenigstens 30 Minuten warten, was nun wahrlich kein Vergnügen ist. Zudem sind die auf der Verbindung Göttingen – Erfurt – Gera eingesetzten Neigezüge oftmals überfüllt, selbst wenn drei gekuppelte Einheiten eingesetzt werden. Hier ist der Hebel anzusetzen, um dem Schienenverkehr den ihm gebührenden Vorrang vor der Straße wiederzugeben. Vom Grundsatz her trifft das ebenso auf den Güterverkehr zu, zumal die Probleme, die viele Städte und Gemeinden mit den Belastungen durch Schwerlastverkehr haben, allenfalls punktuell durch Ortsumgehungen gelöst werden können. Dieser Verkehr gehört in erster Linie auf die Schiene, woraus sich wiederum Aufgaben für DIE LINKE ergeben: Weder darf ein Verkehr mit den (denglisch) „Giga-Liner“ genannten Riesen-Lkw als neue Bahnkonkurrenz zugelassen werden, auch nicht als „Feldversuch“ getarnt, noch dürfen Gewerbegebiete da, wo bereits Flächen mit Bahnanschluss vorhanden sind, irgendwo auf der grünen Wiese errichtet werden. Mit zu den schlechtesten Beispielen gehört hier Ilmenau, wo trotz durch treuhandbedingten Abriss entstandene Brachflächen auf dem Industriegelände (mit vorhandenem, aber stillgelegten und wieder nutzbaren) Bahnanschluss immer noch neue Gewerbegebiete erschlossen werden, und wo die Bahnstrecke nach Großbreitenbach zugunsten eines Radweges abgerissen wurde. Dafür baut Wiegand-Glas eben neue Lagerhallen und die Lastzüge müssen sich über steile und kurvenreiche Nebenstraßen quälen. Das betrifft auch andere an der ehemaligen Bahntrasse gelegene Unternehmen.

 

Bild: Nach Arnstadt kam der ICE ja schon einmal – vor bald 20 Jahren, also dort noch elektrisch gefahren werden konnte. Doch das waren Vorführfahrten, kein planmäßiger Verkehr, und zudem ließ die Strecke nur 120 km/h zu. Mit einer solchen Geschwindigkeit würde bei einem planmäßigen Verkehr das ganze ICE-System keinen Sinn mehr machen. Für das Thema „Wümberg“ sind deshalb weniger Gefühle, sondern Nüchternheit und Sachlichkeit erforderlich.

 

Aufnahme: Verfasser

 

H.-J. Weise