Über die Wurzeln des Antisemitismus

Wir erinnern uns: Im Frühsommer hatte DIE LINKE plötzlich eine Diskussion über Antisemitismus an der Backe. Das mag wohl einer der Gründe gewesen sein, warum sich die Ilmenauer Gruppe der Rosa-Luxemburg-Stiftung entschloss, das Thema aufzugreifen und der Sache auf den Grund zu gehen. Wer scheint besser dafür geeignet, als der Theologe Prof. Heinrich Fink? Heute 76 Jahre alt, noch voller geistiger Frische, zu Beginn der 90-er Jahre gewählter Rektor der Berliner Humboldtuniversität, nach Stasivorwürfen abgesetzt und für die PDS im Bundestag.

Bildhaft schilderte er Erlebnisse aus seiner Kindheit in Bessarabien. Juden, so hat er es erlebt, durften am Freitag nicht in die Stadt. Sie seien Jesusmörder und mussten um Leib und Leben fürchten, wenn sie dieses Verbot missachteten. Jesus von Nazareth nannte er einen Revolutionär seiner Zeit und seinen Tod am Kreuz einen politischen Mord. Den aufrüherischen Geist Jesu, der mit Frauen und Kindern sprach, was damals unüblich war, zu liquidieren, kam jüdischen Hohepriestern und den römischen Okkupanten gleichermaßen zupass.
Aber dieser Geist lebte fort. Die Lebens- und Sterbegeschichte Jesu wurde weiter erzählt. Die das taten nannten sich Christen und waren heftigster Verfolgung ausgesetzt. Kaiser Konstantin I. war der erste Staatsmann, der das Zeichen der Christen, das Kreuz, verwendete. Er ließ es vor der Schlacht an der Milvischen Brücke im Jahr 312 auf die Schilder seiner Soldaten malen. Konstantin gewann die Schlacht, machte das Christentum per Gesetz zur Staatsreligion und grenzte das Christentum konsequent vom jüdischen Glauben ab. Der Sabbat, der jüdische Ruhetag von Freitagabend bis Samstagabend wurde abgeschafft und durch den Sonntag ersetzt. Die Synagogen wurden mit Schimpfworten belegt. „In dieser Zeit wurden die Wurzeln des Antisemitismus in der römischen Kirche gelegt“, sagt Professor Fink.
Die anderen christlichen Kirchen hatten ähnliche Schlüsselerlebnisse. Bei den Orthodoxen ist es die Beschränkung auf das Johannes Evangelium, bei den Protestanten Schriften von Martin Luther, die ich in ihrer Judenfeindlichkeit so nicht für möglich gehalten habe und niemals mit Luther in Verbindung gebracht hätte. Eine große Bedeutung für das Antijudentum hatte die bildende Kunst. Heinrich Fink zeigte Karikaturen aber auch Abbildungen eines Reliefs vom Triumphbogen des Titus aus dem Jahre 81, das nach dem Sieg der Römer über die Juden errichtet worden ist. Pabst Johannes der XXXIII. (der gute Pabst!) machte für die katholische Kirche ein Ende. Kurz vor seinem Tod im Jahr 1963 formulierte er ein Gebet in dem es ua. heißt: „Vergib uns den Fluch, den wir zu unrecht an den Namen der Juden hefteten“.

Ein höchst interessanter Vortrag. Trotz über 50 Menschen im Raum hätte man eine Stecknadel fallen hören. Israel wurde bewusst ausgeklammert, es ging um die Wurzeln des Antisemitismus. Israel wird ein eigenes Thema werden. Ein Fazit zog Prof. Reinhard Schramm, der nicht der einzige Sozialdemokrat als Gast war und als Stellvertretender Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Thüringens offensichtlich weis, wovon er spricht: „Es gibt Antisemitismus bis heute, auch unter Linken, wohl bemerkt aber nicht in der Partei als Ganzes“.

Eckhard Bauerschmidt